Leitlinien für den Dienst der TelefonSeelsorge

Selbstverständnis und Konzeption

1. Grundlage für den Dienst der TelefonSeelsorge ist das gemeinsam formulierte Selbstverständnis der Evangelischen Konferenz für TelefonSeelsorge und der Katholischen Arbeitsgemeinschaft TelefonSeelsorge und Offene Tür: 

„Die Einrichtungen der TelefonSeelsorge und der Offenen Tür in der Bundesrepublik Deutschland und Berlin (West)1 sind ein Ausdruck der seelsorgerlichen Verantwortung der christlichen Kirchen für die Menschen unserer Zeit. An der Gestaltung des von ihnen getragenen Dienstes wirken in ökumenischer Gemeinsamkeit alle mit, die sich diesem Auftrag verpflichtet wissen. TelefonSeelsorge und Offene Tür bieten allen Ratsuchenden die Möglichkeit, befähigte und verschwiegene Gesprächspartner zu finden, die sie in ihrer jeweiligen Situation ernst nehmen, ihnen im Krisenfall beistehen und ihre Anonymität achten. Die TelefonSeelsorgestellen nehmen diesen Dienst bei Tag und Nacht wahr, die Offenen Türen haben feste Sprechzeiten.

Die Mitarbeiter versuchen, den anderen in vorurteilsfreier und unbedingter Offenheit anzunehmen. Das Angebot besteht im Zuhören und im Klären, im Ermutigen und Mittragen, im Hinführen zu eigener Entscheidung und im Hinweis auf geeignete Fachleute. Das Gespräch kann nicht nur am Telefon, sondern auch – wenn nötig und gewünscht – in unmittelbarer persönlicher Begegnung geführt werden.“2 
Als Mitglieder des Internationalen Verbandes für TelefonSeelsorge (IFOTES) erkennen die beiden TelefonSeelsorge-Verbänden3 angeschlossenen Stellen ebenso die Internationalen Richtlinien4 als Grundlage für ihren Dienst an. 

2. Mit ihrem Dienst versucht die TelefonSeelsorge, einer doppelten Herausforderung zu entsprechen:
- einerseits den tieferen Bedürfnissen des Menschen in seelischen Notlagen und Lebenskrisen, wie sie sich in Sinnverlust, Beziehungslosigkeit, Vereinsamung oder Angst als Folge unbewältigter Lebensfragen zu erkennen geben,
- andererseits dem biblischen Auftrag, für Menschen da zu sein, die zu scheitern drohen, ihnen Hilfe, Beistand und persönlichen Zuspruch anzubieten und in alledem Mut zu neuem Glauben und neuer Hoffnung im Sinn des Evangeliums zu ermöglichen.

3. Aus dem Dienst der TelefonSeelsorge ergibt sich die Verpflichtung, dieses Angebot in der Öffentlichkeit bekannt zu machen, charakteristische psychosoziale Mangelerscheinungen samt ihren Ursachen beim Namen zu nennen und an einer Verbesserung der humanen Lebensbedingungen mitzuarbeiten.
Eine TelefonSeelsorge muss daher gute Kontakte zu verwandten Einrichtungen haben, mit ihnen in hilfreichem Austausch stehen und um wirksame Kooperation bemüht sein.

4. Im Rahmen der Hilfs- und Beratungsdienste, die heute in der Gesellschaft angeboten werden, versteht sich die TelefonSeelsorge als eine Form der Krisenhilfe. Zu ihren Kennzeichen gehören die niedrige Kontaktschwelle mittels des Telefons und die Anonymität, ebenso die Bereitschaft zur Annahme und Offenheit für jeden Anrufer, die Verschwiegenheit5 und die Möglichkeit, jederzeit einen Gesprächspartner zu erreichen. Die TelefonSeelsorge will dem Anrufer im Gespräch hörend, einfühlend und klärend Beistand leisten. Dadurch will sie den Klienten befähigen, sich in aktuellen Situationen zu verstehen und anzunehmen. Zugleich möchte sie ihn zu Auseinandersetzung mit sich selbst zu seiner Umwelt ermutigen. Darüber hinaus will die TelefonSeelsorge dem Klienten behilflich sein, vorhandene Beratungs- und Hilfsmöglichkeiten in Anspruch zu nehmen.

5. Mit dem Angebot der TelefonSeelsorge werden große Hoffnungen und Erwartungen geweckt, und für viele Menschen ist ein telefonischer Anruf der Versuch, auf dem Weg über das Telefon einen Gesprächspartner zu finden, der Verständnis und Hilfsbereitschaft zeigt. Deshalb muss für diesen Dienst ein hohes Maß an Verantwortung bei Trägern und Mitarbeiter/innen erwartet werden.

Diese Verantwortung bedeutet für den Träger, dass er die TelefonSeelsorgestelle personell und sachlich in ausreichender Weise ausstattet. Für die Mitarbeiter bedeutet es, dass sie ihr Engagement ernst nehmen, Bereitschaft zum ständigen Lernen zeigen, die Teilnahme an der Ausbildungs- und Fortbildungsarbeit als Verpflichtung auf sich nehmen6 und sich der Auswirkungen ihres Dienstes bewusst sind. Um die Glaubwürdigkeit des Dienstes zu gewährleisten, ist es unerlässlich, dass das Gebot der Verschwiegenheit nach außen von allen Mitarbeiter/innen streng beachtet wird.


Fußnoten

1 Nach dem Einigungsvertrag am 3. Oktober 1990 beziehen sich die Leitlinien auf alle Einrichtungen der TelefonSeelsorge und Offenen Tür in der Bundesrepublik Deutschland. (nach oben)

2 Der hier aufgenommene Text ist die insgesamt sechste Fassung innerhalb eines Arbeitsprozesses, in dem das Selbstverständnis der TelefonSeelsorge formuliert wurde. Dies zeigt die komplexe Entstehungsgeschichte, in der sich damals rund 60 TS-Stellen und die Verbände auf gemeinsame Aussagen einigen mussten (vergl. dazu Ingo Habenicht, Telefonseelsorge als Form intentionaler Seelsorge, Geschichte, Phänomenologie und Theologie, Eine Untersuchung zum „Selbstverständnis“ der TelefonSeelsorge aus poimenischer Sicht, Hamburg 1994, S. 106 ff.; 169 ff.). (nach oben)

Es wird auf den strukturellen Unterscheid hingewiesen, dass die Evang. Konferenz für TelefonSeelsorge ein Verband ist, in dem die evangelischen und ökumenischen Stellen in Deutschland verbunden sind. Dagegen ist die Katholische Bundesarbeitsgemeinschaft für Beratung ein Trägerverband, in dem die Träger der Einrichtungsgruppen zusammengeschlossen sind. (nach oben)

Zurzeit gültig sind die Ethische Charta, die internationalen Normen und Statuten, verabschiedet auf der Generalversammlung am 14.07.1994 in Jerusalem. (nach oben)

Verschwiegenheit ist ein Essential der TelefonSeelsorge. Darum sollte es in allen Stellen eine gültige und verbindliche Verpflichtungserklärung geben, in der sich die Mitarbeitenden zur Geheimhaltung aller ihnen im Rahmen ihrer TS-Arbeit bekannt gewordenen Informationen verpflichten. (nach oben)

6 vgl. die „Rahmenordnung für Aus- und Fortbildung ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der TelefonSeelsorge und Offenen Tür“, verabschiedet in der Mitglieder-Versammlung der Evang. Konferenz für TelefonSeelsorge am 29. April 1986 in Vierzehnheiligen sowie das „Rahmenpapier zur Fort- und Weiterbildung für leitende Mitarbeiter/innen der TelefonSeelsorge und Offenen Tür“, angenommen in der Plenarsitzung am 8. Mai 1991 in Vierzehnheiligen. (nach oben)

Diese Leitlinien für den Dienst der TelefonSeelsorge wurden angenommen auf der Mitglieder-Versammlung der Evang. Konferenz für TelefonSeelsorge und der Kath. Arbeitsgemeinschaft TelefonSeelsorge und Offene Tür am 3. Juni 1978 in Königstein/Taunus, also bereits vor über 25 Jahren!